Die O´Leary Saga

"Teufelspfad"

Der fulminante Abschluss der "O´Leary - Saga". Nach ihren Abenteuern in Ägypten hofft Sarah, in Irland endlich Frieden zu finden. Doch dunkle Träume und der Kampf der Iren um Unabhängigkeit führen sie auf den Teufelspfad und erneut muss sie um ihre Liebe bangen.

 

 

Leseprobe

 

 

Prolog
Januar 1891
Howth
 
Der Wind pfiff über das Land. Er hatte reichlich Regen im Gepäck, der gegen die dunklen Wände und die Scheiben des Hauses prasselte. Die eisigen Böen ließen die Dachziegel klappern. Die Äste der Bäume ächzten im Sturm.
Im Inneren des Hauses brannten Öllampen in dem großen Saal. Etwa vierzig Frauen und Mädchen saßen in der Kühle des Raumes an langen Tischen, die mit Stoffbahnen beladen waren.
Die Gesichter der Frauen waren eingefallen und leer, die meisten mit glanzlosen Augen. Kaum ein Wort wurde gesprochen.
Einige von ihnen hatten große Tuchmacherscheren, mit denen sie die Stoffe schnitten, die andere Frauen mit Schablonen und Kreide aufgezeichnet hatten.
Andere nähten diese Stoffe im trüben Licht zusammen. Viele der Frauen spürten schon nicht mehr, wenn sie sich in die Finger stachen. Zu dick war mittlerweile die Hornhaut an den Fingerspitzen. Nur die Neuen hatten es schwer, denn sie zuckten noch jedes Mal zusammen, wenn die Nadeln in die Haut eindrangen. Dann hieß es schnell sein, das Blut abwischen, denn wenn die Stoffe verschmutzt wurden, dann hagelte es Strafen.
Angefangen von Essensentzug über stundenlange Gebete auf den Knien bis hin zu Schlägen mit einem langen Rohrstock auf den entblößten Hintern war alles möglich. Die grausamste Strafe war jedoch, nackt in dem Kellerverlies eingesperrt zu werden. Dort war es kalt, feucht und es stank erbärmlich.
Edith bemühte sich nach Kräften, das Soll, das sie auferlegt bekommen hatte, zu erfüllen. Aber es war extrem schwierig. Der Stoff war dick und zäh. Uniformstoff. Heute nähte sie Jacken zusammen. Gestern waren es Hosen gewesen.
Manchmal, wenn sie Glück hatten, bekamen sie duftende Stoffe, weich und fließend. Aus diesen wurden Kleider genäht, gelegentlich auch Kindersachen.
Einmal hatten sie Seide gehabt. Für Fahnen. Das war ein schöner Stoff gewesen, erinnerte sich Edith. Die Nadeln gingen hindurch wie ein heißes Messer durch Butter. Doch auch dieser Stoff hatte es in sich gehabt. Beim Schneiden zerfranste er gerne, dann ließ er sich kaum noch nähen.
Bei dem Auftrag hatte es sehr viel Prügel gegeben.
Neben Edith saß eine der Neuen. Patricia, dachte Edith, sie heißt Patricia. Immer wieder zog Patricia die Nase hoch, die vom Weinen lief. Sie war erst seit gut einer Woche hier im Heim. Das war die schlimmste Zeit für die Neuen.
Weg von dem, was vielleicht mal so etwas wie ein Zuhause gewesen war. Weg von allen, die man kannte.
Dazu die gnadenlose Disziplin. Um fünf Uhr wecken, waschen, Betten machen, Anziehen. Danach Gebete bis um sieben, anschließend gab es etwas, das sich Frühstück nannte. Meist eine Tasse dünner Tee mit einer Scheibe Brot und ein wenig Marmelade. Oder Haferschleim, in dem gelegentlich Kakerlaken schwammen.
Als Nächstes zur Arbeit. Edith hatte, ihrer Meinung nach, Glück gehabt. Das Nähen war noch erträglich. Die Wäscherei war übler. Den ganzen Tag stand man im heißen Dampf, wusch die Sachen, die unaufhörlich hereingebracht wurden. Die Lauge fraß sich in die Haut der Hände und in die Atemwege. Viele der Frauen dort husteten Blut.
Auch wenn es im Winter warm war, sie fror lieber, als dass sie die roten Hände und den Husten der Waschfrauen hatte.
Patricia schrie leise auf. Edith sah hinüber.
»Verdammt, pass doch auf«, zischte sie. Patricia hatte sich wieder in den Finger gestochen und hatte dabei das Blut auf den Stoff geschmiert. Das würde Strafe geben.
Edith blickte nach vorne. Die Ordensschwester, die an einem Pult saß, welches einen guten Meter erhöht stand, sah auf. Sie hatte den Fluch gehört und kam heran, riss Patricia den Stoff aus der Hand.
»Du dummes, nichtsnutziges Ding! Du hast den Stoff ruiniert.« Sie sah zu Edith. »Ich habe dir doch gesagt, du sollst aufpassen. Du hast die Verantwortung für sie.«
Edith senkte den Kopf.
»Es tut mir leid.«
»Ja, das wird es.«
Sie winkte zwei bulligen Frauen am Eingang der Halle zu, die sofort kamen.
»Diese hier«, sie zeigte auf Edith, »bekommt zehn. Und diese dort«, sie deutete auf Patricia, »kommt in den Keller.«
Eine der Frauen packte Edith und zog sie an das andere Ende der Halle. Dort stand ein Pult. Edith wurde bäuchlings darauf gelegt, die Arme an der anderen Seite angebunden.
»Bitte … nicht«, wimmerte sie.
Patricia wurde ebenfalls herangeschleppt.
»Sieh genau hin, denn das, was ihr widerfährt, ist deine Schuld!«
Die Nonne nickte, Ediths Röcke wurden angehoben und über ihren Rücken gelegt. Dann ergriff die bullige Frau den Rohrstock, nahm Maß und ließ ihn auf den nackten Hintern klatschen. Das wiederholte sie, während die Oberschwester zählte. Bei »zehn« war Schluss. Die Striemen leuchteten, an einigen Stellen war die Haut aufgeplatzt.
Edith wurde losgebunden und an ihren Platz geschickt, wo sie sofort wieder ihre Arbeit aufnahm. Patricia schleppte man in den Keller, riss ihr die Kleider vom Leib und warf sie in die muffige Kammer, in der sie so lange bleiben musste, bis man sie herausließ.
Die anderen Frauen hatten nicht einmal ihre Arbeit unterbrochen. Sie waren abgestumpft, leer, längst an solche Szenen gewöhnt.
Nach einer Stunde, der Sturm war noch stärker geworden, wollte die Nonne, die die Aufsicht führte, die Arbeit beenden lassen. Da erklang ein Wimmern. Die Frauen hörten mit dem auf, was sie gerade taten, tauschten kurze Blicke. Einige bekreuzigten sich.
Ein erneutes Wimmern. Die Oberschwester zeigte keine Regung, ließ die Blicke lauernd durch die Reihen schweifen. Es schien, als habe sie gar nichts gehört.
»Nein«, erklang eine Stimme aus dem Raum.
Obwohl es den Frauen verboten war, zu reden, reagierte die Nonne nicht darauf.
Das Wimmern steigerte sich zu einem gellenden Schrei.
Die Frauen senkten die Köpfe und fuhren mit ihren Näharbeiten fort.
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