Die Reise ins Licht

Es war kalt.
Er fror.
Im diffusen Zwielicht versuchte er, den Brief zu lesen, den er gerade geschrieben hatte. Mit einem Seufzer faltete er das Blatt, steckte es in den Umschlag, klebte ihn zu und adressierte ihn. Er sah sich um.
"War das alles?", fragte er sich. Es war leer in der kalten, dunklen Wohnung. Strom, Heizung, Wasser und Telefon waren ihm abgestellt worden. Im Licht der Kerze las er den Brief, der die Räumungsklage enthielt, noch einmal durch.
Er war einsam. Er starrte in das flackernde Licht seiner letzten Kerze.
"Drei Zentimeter.", sagte er.
So lang war der Kerzenstummel noch. Dann würde auch dieses Licht verlöschen.
Er stand auf.
 Das einzige, was noch in der Wohnung war, waren sein Bett und ein paar wertlose Möbel. Er zog sich die Jacke an, die Schuhe, sah an sich herunter, sah die ausgetretenen Schuhe, die abgestossenen Jeans, die zerfledderte Jacke.
"Nun ja, das war's dann wohl."
Er löschte die Kerze, ging aus dem Haus. Langsam schlich er durch den Regen. An einem Briefmarkenautomaten blieb er stehen, zählte sein Kleingeld, warf es ein. Mit einem hohlen Knacken spuckte der Automat eine Briefmarke aus, er nahm sie mit zitternden Händen aus dem Schacht.
Mit Mühe konnte er ein wenig Spucke zusammenbringen, damit sie auf dem Brief hielt. Er warf ihn in den Kasten, streichelte ihn zärtlich, schlich weiter. Er sah die Imbissstände, spürte den Hunger. "Verschwendung", sagte er zu sich, "es wäre eh nur noch Verschwendung."
Bald sah er die Brücke. Dort war es.
Das Licht.
In dieses Licht wollte er.
Er trottete den Weg zur Brücke, weiter über den Gehweg, bis er in der Mitte war. Hinter ihm fuhren langsam die Züge vorbei, nur durch ein Geländer und ein paar Meter Beton von ihm getrennt. Sehnsüchtig sah er ihnen nach, dachte daran, dass er auch in solch einem Zug hätte sitzen müssen, auf dem Weg zu ihr.
Er sah hinab. Das Wasser unter ihm konnte er nur ahnen. Passanten hasteten an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten. Mit klammen Fingern drehte er sich eine Zigarette, zündete sie an. Er sog den Rauch in sich, dachte nach.
"Leben. Was ist das? Das, was ich habe, auf jeden Fall nicht."
Er schnippte den Rest der Kippe weg.
"Zeit, um in das Licht zu gehen."
Er sah sich um. Niemand war zu sehen.
Er schwang ein Bein über das Geländer, dann das andere. Nun stand er auf dem schmalen Sims, das ihn noch vom Weg in das Licht trennte. Er spürte das Gewicht der Steine, die er in seine Taschen gesteckt hatte. Gewicht, das ihn schneller nach unten ziehen sollte, ihn ermüden sollte. Langsam liess er sich los. Schweiss stand auf seiner Stirn.
Er hatte Angst.
"Nein. Nicht!"
Er sah sich um. Menschen hasteten auf ihn zu. Da liess er sich fallen.
"NEIN"
Er hörte den Schrei, der abrupt verstummte, als sein Körper auf das Wasser schlug, ihm die Luft aus den Lungen presste.
Augenblicklich versank er. Er kämpfte sich nun doch nach oben. Rasch wurde er davongetragen, die Strömung war stärker als erwartet. Und doch erwachte der instinktive Lebenswille in ihm. Er strampelte, kämpfte.
Doch er war nie ein guter Schwimmer gewesen, und in seinem entkräfteten Zustand und dem zusätzlichen Gewicht war es nur eine Frage der Zeit, bis er erlahmte. Seine Muskeln schmerzten. Immer wieder sank er unter Wasser, die Luft wurde immer knapper.
Dann bekam er einen Schwall der kalten, schmutzigen Brühe in den Mund. Er würgte, schnappte nach Luft. Doch nur Wasser drang ihm in die Lungen. Als letztes sah er noch das Licht, in das er nun hinabtauchte, während sein Körper den Strom hinabgetrieben wurde.
Einige Tage später standen einige Menschen auf einer kargen Stelle eines Friedhofs zusammen. Die Sonne schien auf sie herab, als sie den Worten des Trauerredners hörten, denn ein Pastor würde nicht kommen.
"Ein Mensch ist von uns gegangen.
Ja, ich sage gegangen, er wurde nicht von uns genommen. Er hat den Weg für sich gewählt. Warum?
Wir hier, die wir hier stehen, ahnen es, vielleicht wissen wir es auch. Er wurde nicht fertig mit diesem Leben. Er zerbrach an ihm. Er hat gekämpft, lange, aber ohne Erfolg. Wir hier, die wir zurückbleiben, mit Trauer im Herzen, werden es nicht verstehen. Aber wenn er es sehen könnte, dass seine Freunde ihn nicht vergessen haben, würde vielleicht doch ein wenig Glück fühlen. Und ich weiß, seine Freunde werden ihn nicht vergessen....."
Stumm standen sie da, sahen auf den einfachen Sarg.
Eine Frau starrte blicklos ins Leere, eine rote Rose in der Hand. Am Mittelfinger der Ring, den er getragen hatte.
In ihrer Tasche den Brief, den sie erhalten hatte, zusammen mit dem Ring.  Sie kannte ihn auswendig.
"Liebste.......
Ich hoffe, du weißt, dass ich dir nie weh tun wollte. Aber ausgerechnet dir werde ich nun Schmerz zufügen müssen.
Ich liebe dich, ich habe dich vom ersten Moment an geliebt, als unsere Blicke sich berührten. Ich hätte dir gerne so vieles gegeben, aber ich kann nicht. Ich werde mit meinem eigenen Leben nicht fertig, wie soll ich dir dann noch eine Hilfe sein? Man hat mir alles genommen, die einzige Post sind Pfändungen und Mahnungen. Ich habe nichts mehr. Die letzten Groschen brauche ich für diesen Brief. Es geht nicht mehr weiter.
Ich sitz hier bei der letzten Kerze, ohne Strom, Wasser, Heizung, Telefon. Die Räumungsklage liegt hier. Na ja, zu räumen ist nur noch der Mieter, aber der geht freiwillig, zu dem letzten Ort.
Ja, du hast gesagt, Geld ist unwichtig. Aber ein Mann, der nichts hat, nein, weniger als nichts???? Das kann ich dir nicht zumuten.
Ich werde nun in das Licht tauchen. Vielleicht ist es dort so, wie man es sich erzählt, vielleicht gibt es wirklich keine Tränen im Himmel. Wenn du mich liebst, dann lege bitte irgendwann eine einzelne Rose auf mein Grab.
Mehr brauche ich nicht.
Ich hatte geträumt, mit dir ein neues Leben anzufangen, mit dir zusammen zu sein. Aber ich kann nicht mehr. Ich habe keine Kraft mehr, ich bin müde von all den Kämpfen gegen das Leben. Einmal nur, ja, da war ich glücklich, und das war in der kurzen Zeit, in der ich dich lieben durfte.
Ich liebe dich, bis zu meinem letzen Atemzug und darüber hinaus."
Sie sah nun die anderen an. Alle waren sie gekommen, alle, die ihm vielleicht geholfen hätten, wenn er den Mut gehabt hätte, sie zu fragen. Aber dazu war er immer zu stolz gewesen.
Der Redner sah nun auf den Sarg, der in der kalten Erde verschwand. Er sah auf die wenigen Trauernden, entfernte sich. Der Totengräber kam, zuckte mit den Achseln. Dann ließ er die Erde auf den Sarg fallen. Die Umstehenden zuckten zusammen, als sie das dumpfe Geräusch hörten. Wenig später sah man nur noch einen flachen Hügel.
Die Frau mit der Rose ging nach vorne, beugte sich über den Hügel und legte die Rose darauf.
Keine Kränze, kein Trauerflor. Nur die Rose. Wie er es sich gewünscht hatte. Eine Träne tropfte aus ihren Augen darauf, wurde von der Sonne gebrochen und einen Moment lang dachte sie, im brechenden Licht sein Lächeln sehen zu können.........
© W. Diefenthal 1997

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