Die Braut des Paten

 

Mario lag im Bett, ermattet, erschöpft. Francesca lag neben ihm, ihr Atem kam auch noch stoßweise. Sie hatten es wieder mal geschafft, sich ein paar Stunden zu stehlen. Es war schwierig, ja sogar lebensgefährlich, sich mit ihr zu treffen.
Francesca, die schwarzhaarige Frau des Mafiapaten. Bildhübsch, blutjung, mit langen, schwarzen Haaren, den Mandelbraunen Augen, den Brüsten, denen kein Mann wiederstehen konnte, dem schwarzgelockten Schoß, den nur wenige Männer sehen oder gar berühren durften.
Kaum ein Mann traute sich, sie anzureden. Don Lucio wachte eifersüchtig über sie. Mario wusste, wenn Don Lucio jemals herausfinden würde, dass sie ihn betrog, wäre es ihrer beider Todesurteil. Da verstand Don Lucio keinen Spaß. Ein Mann, der etwas zu eng mit ihr getanzt hatte, war am nächsten Tag mit ausgestochenen Augen, kastriert und ohne Zunge auf der Straße gefunden worden. Mario erschauerte bei dem Gedanken, was alles passieren könnte, aber er war der festen Meinung, klüger und gewitzter als Don Lucio zu sein. Bisher war es ihnen gelungen, ihm Hörner aufzusetzen, ohne dass er es gemerkt hatte.
Immer neue Verstecke, immer neue Wege. Ständig mussten sie sich vorsehen. Aber er war der Meinung, dass es das Risiko wert war. Trotz der Angst, die sie umgab wie ein unsichtbarer Nebel.
Auch heute Abend. Sie hatten sich mehrere Wochen nicht sehen können. Als sie ihn anrief macht er fast einen Freudensprung.
„Er ist heute in Palermo, kommt erst morgen nach Hause.“, hatte sie ihm gesagt. „Aber wir müssen vorsichtig sein, er lässt mich beobachten. Ich habe heute Abend eine Verabredung bei einer Freundin, sie deckt uns. Die Männer, die er mir immer für meinen „Schutz“ mitgibt, bleiben draußen, ich kann durch den Keller fort. In der Nebenstraße gibt es ein kleines Hotel, besorg uns ein Zimmer. Wir haben höchstens 2 Stunden.“
Sie nannte ihm die Straße, in der das Hotel war und legte auf.
Zur verabredeten Stunde erschien sie, ihr Gesicht rot vor Erregung. Sie fielen sich in die Arme, küssten sich, fielen auf das viel zu weiche, viel zu kleine Bett, gaben sich der Verzückung hin. Ihre kleinen, spitzen Schreie hallten von den dünnen Wänden, bis sie ermattet voneinander ließen.
Er sah sie an.
„Francesca, mein Täubchen, verlass den alten Bock, lass uns fliehen.“
Sie schnaubte.
„Du bist verrückt, wie stellst du dir das vor? Er wird uns jagen, er wird uns finden. Und dann wird er uns töten.“
Sie drehte sich zu ihm, stützte sich auf einen Ellbogen und sah ihn an. Ihre schweren Brüste schaukelten leicht.
„Mario, wir müssen das beenden. Es war heute das letzte Mal, es ist zu gefährlich. Ich liebe dich, aber er wird dich töten. Und das will ich nicht.“
Sein Herz krampfte sich zusammen. Nein, schrie es in ihm. Er wollte zu einer Antwort ansetzen, als die Tür mit einem gewaltigen „RUMMS“ nach innen flog und drei breitschultrige Männer hereinstürzten. Bevor er noch reagieren konnte fühlte er den Lauf einer Pistole an seinem Kopf. Francesca schrie, bis einer der Männer ihr mit der flachen Hand ins Gesicht schlug.
„Halts Maul.“
Und dann kam er, Don Lucio, der Pate. Weißer Anzug, weiße Lederschuhe, weißer Hut. Gemächlich kam er in das schäbige Zimmer der Absteige, sah sich um. Ein Blick zu seien Bodyguards genügte und einer stellte sich in den Flur vor das Zimmer. Er zeigte mit der linken Hand im Zimmer umher.
„Warum, Francesca?“, fragte er mit seiner ruhigen Stimme, der Baritonstimme, die seinen Gegnern Angst einjagte. „Habe ich dich nicht immer gut behandelt? Habe ich dir nicht ein Heim gegeben, als ich dich aus den Händen dieses Bauern geholt habe? Habe ich dir nicht zu Essen gegeben, Kleider, ein gutes Leben? Warum tust du das, Francesca?“
Sie zitterte, zog die Decke über die Brüste, kniete sich auf den Boden vor ihm, demütigte sich.
„Bitte, tu ihm nichts. Ich habe ihn verführt, habe ihn dazu gebracht. Bestrafe mich, aber lass ihn nicht für meine Dummheit büßen.“
Er sah sie verächtlich an.
„Francesca, ich habe dich geliebt. Du warst mein Ein und Alles. Glaubst du, ich kann das verzeihen? Glaubst du, ich kann das je vergessen? Ich, ein Mann von Ehre, beschmutzt von dir und diesem Stück Müll dort.“
Sie hob die Arme.
„Bitte....“
Er sah sie nur verächtlich an. Ein Wink genügte, 2 weitere Männer traten ins Zimmer, griffen Francesca unter die Arme und schleiften sie fort. Sie wimmerte nur, ergab sich in ihr Schicksal. Don Lucio hielt sie noch einmal zurück.
„Bringt sie zum Hafen, ihr wisst wo. Und sagt den Anderen, sie gehört ihnen, bis wir kommen.“
Die Männer grinsten dreckig. Er schenkte ihnen seine Frau. Viele hatten es sich gewünscht, diese Madonna zu besitzen, aber niemand hätte es gewagt, Hand an sie zu legen. Zu groß war die Furcht vor Don Lucio. Und nun wurde sie ihnen geschenkt.
Mario wollte aufspringen, als sie Francesca wegschleppten. Doch ein Stoß mit der Pistole gegen seine Brust erinnerte ihn daran, dass er selber in Lebensgefahr schwebte.
Don Lucio sah ihm in die Augen.
„Mario, Mario. Warum tust du mir das an? Dein Vater und ich, wir sind immer Freunde gewesen. Ich habe dich auf meinem Arm gehabt bei deiner Taufe. Ich habe dich unterstützt, du warst ein Teil meiner Familie. Und nun....“
Er hob die Arme, verzog dabei schmerzhaft sein Gesicht.
„Nun gehst du hin, entehrst mich, deine Familie, deinen Vater. Du hast alle, die dich lieben, verraten, entehrt. Was soll ich nur mit dir machen?“
Mario sagte nichts. Jedes Wort wäre falsch gewesen. Don Lucio kam etwas näher und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Dann schrie er ihn an.
„Du Hurensohn. Du sitzt da im Bett, hast dich mit MEINER Frau amüsiert, hast unsere Familie in den Schmutz gezogen.“
Er schlug noch einmal zu. Dann drehte er sich um, mit ruhiger Stimme sprach er nun weiter.
„Mario, du verstehst, ich kann das nicht tolerieren. Ich muss meine Ehre reinwaschen. Und da gibt es nur einen Weg.“
Mario wurde noch bleicher, kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er wartete auf den Schuss, auf ein Messer. Aber dann wurde ihm klar, dass dies die Ehre nicht würde wieder herstellen können. Es musste mehr sein. Er wollte noch etwas sagen, da spürte er einen scharfen Schmerz am Hinterkopf und verlor das Bewusstsein.
Er erwachte mit rasenden Kopfschmerzen. Langsam öffnete er die Augen, versuchte, im Halbdunkel, das ihn umgab, etwas zu erkennen. Er hing mit zusammengebundenen Händen von der Decke, völlig nackt. Aber außer den Kopfschmerzen schien ihm nichts zu fehlen. Er spürte, wie alles schwankte, es roch nach Fisch, nach Salzwasser, nach verfaultem Holz.
Das Fischerboot, schoss es ihm durch den Kopf. Er hatte davon gehört, von dem alten Boot, das nur herausfuhr, um bestimmte Dinge zu vollenden.
Er hörte Schritte. Don Lucio stand vor ihm.
„Du hast Glück, Mario. Dein Vater, ein Mann von Ehre, hat für dich gebürgt. Er hat sich für dich an mich verpfändet, damit ich gnädig bin. Du hast ihm sein altes Herz gebrochen, als du die Familie in den Schmutz getreten hast. Er versteht, dass ich meine Ehre wiederherstellen muss, dass ich die Flecken entfernen muss. Und das kann nur mit Blut geschehen. Soll ich dir sagen, was ich für dich vorgesehen hatte?“
Mario lief es kalt über den Rücken, als Don Lucio ihm die Qualen schilderte, die er für ihn vorgesehen hatte.
„Aber ich bin kein grausamer Mensch. Ich habe deinem Vater versprochen, dass ich gnädig sein werde. Du wirst schnell sterben, nicht einfach, aber schnell.“
„Wo ist Francesca?“, flüsterte Mario.
Don Lucio gab ein Zeichen. Ein Mann leuchtete auf den Boden. Dort lag sie, nackt, zusammengekrümmt. Ihr Körper war mit Blutergüssen übersät. Sie versuchte, sich aufzurichten, und Mario sah ihre zugeschwollenen Augen und das Blut, das aus ihrem Mund sickerte. Ihr Kopf war kahlgeschoren. Sie sank zurück. Er bäumte sich auf.
„Ihr Schweine. Macht mich los, ich bring euch alle um....“
Ein Schlag in den Magen ließ ihn verstummen. Don Lucio hob die Hand.
„Nicht doch. Das ist lächerlich, sei ein Mann und stirb wie einer.“
Mario spürte, wie man ihm schwere Ketten um die Beine wickelte. Er wurde herabgelassen, auf das obere Deck getragen. Der Nachtwind wehte leicht. Er sah, wie man auch Francesca nach oben brachte, an ihren Beinen waren ebenfalls Ketten befestigt.
Auf ein unsichtbares Zeichen wurde er angehoben. Er fiel und dann schlug das kalte Wasser über ihm zusammen. Er hörte einen zweiten Aufschlag auf das Wasser, versuchte noch, sich zu wehren, aber gegen die schweren Ketten hatte er keine Chance.
Nach endlosen Sekunden ging ihm die Luft aus, er öffnete den Mund, aber nur kaltes, salziges Wasser strömte in seinen Lungen. Dann war nur noch Stille.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© www.wdiefenthal.de