Höllenangst

Der finale Teil der "O´Leary Saga.

 

 

 

Mehrere mysteriöse Todesfälle lassen in Sarah das Gefühl zurück, dafür verantwortlich zu sein. Als ihre Albträume schlimmer werden, zweifelt sie an ihrem Verstand und auch an einer Zukunft mit Horatio. Aber gemeinsam mit ihm und den Rebellen muss sie ihre Höllenangst überwinden, um wieder zu sich selber zu finden.

Leseprobe

 

November 1891


Der Morgen brach grau und trüb herein, tauchte das kleine Zimmer in fahles Licht. Der Sturm hatte irgendwann aufgehört, aber noch immer tröpfelte Regen aufs Dach. Horatio fühlte sich so warm und stark an neben Sarah, dass sie nicht aufstehen wollte. Sie war noch immer satt und zufrieden von letzter Nacht. Horatio war so leidenschaftlich gewesen, so fordernd, ihr war ganz anders geworden. Sie kuschelte sich näher an ihn heran, hoffend, dass er noch nicht so schnell aufwachte. Wie leichtsinnig es war, sich so von Gefühlen leiten zu lassen, wurde ihr siedend heiß bewusst, als von nebenan deutlich die Geräusche von Schritten herüberdrangen, und dann hörte sie dumpfes Gemurmel, als Hector und Eric die Pferde versorgten und dabei miteinander sprachen. Sofort saß Sarah kerzengerade im Bett und rüttelte ihren Geliebten unsanft an der Schulter.
»Horatio! Aufwachen! Wir haben verschlafen, Eric und Hector sind schon da! Du musst sie ablenken, sonst kann ich nicht raus!«
Horatio war sofort hellwach. Das war nicht gut, dachte er bei sich, das war gar nicht gut. Schnell zog er sich an, fuhr sich mit den Händen durchs Haar und verschwand im Stall.
»Guten Morgen, ihr seid aber früh unterwegs.«
Hector musterte Horatio verwundert.
»Sie waren die ganze Nacht hier?«
Horatio nickte.
»Ja, ich wusste nicht, wie die Pferde auf den Sturm reagieren, und wollte kein Risiko eingehen.«
Eric blieb der Mund offen stehen.
»Wirklich? So ganz alleine hier im Stall?«
»Alleine? Sind doch genug Pferde hier«, grinste Horatio ihn an, fügte dann mit besorgter Miene hinzu: »Habt ihr mal nach Schäden gesehen?«
»Noch nicht, das wollten wir jetzt tun.«
»Dann wollen wir mal«, erwiderte Horatio und ging mit den Männern hinaus, um an der Rückseite des Stalles anzufangen. Diese Gelegenheit nutzte Sarah, um schnell ins Haus zu huschen. Heftig atmend schloss sie ihre Zimmertür hinter sich.
»Das machen meine Nerven nicht mehr lange mit«, brummelte die Rothaarige, als sie sich auf ihr Bett fallen ließ.
In einem anderen Zimmer hielt Andrew Josephine im Arm. Sie schmiegte sich an ihn, streichelte seine Brust, küsste sie sanft.
»Andrew … darf ich dich was fragen?«
Leise hauchte sie die Worte hinaus. Andrew hob eine Augenbraue und küsste ihr Haar.
»Alles, was du möchtest.«
»Sei mir nicht böse … aber … wie lange … ich meine … wann warst du das letzte Mal mit einer Frau zusammen?«
Er richtete sich ein wenig auf.
»Hab ich was falsch gemacht?«
Sie lachte.
»Männer! Nein. Es ist halt nur … wie soll ich es sagen … du warst so … schüchtern …«
Er fasste sie unterm Kinn, drehte ihren Kopf zu sich.
»Ehrlich? Ich habe die Jahre nicht gezählt. Das letzte Mal muss gewesen sein, als Victoria bereits mit Sarah schwanger war. Danach … nie mehr.«
Sie sah ihn entsetzt an.
»Das ist nicht dein Ernst, oder? Ich meine … das sind ja … fünfundzwanzig Jahre, so in etwa.«
»Ja, das kommt hin. Und … du?«
Sie lächelte ihn an.
»Seit mein Mann vor zehn Jahren gestorben ist, habe ich nicht mehr …«
»Dann wurde es für uns beide allerhöchste Zeit, oder?«
Er lachte. Josephine sah ihn an, lächelte glücklich.
»Ja, das wurde es. Und ich hoffe, es wird noch oft geschehen.«
»Das hoffe ich auch …« Er wurde wieder ernst. »Was hast du mit den Rebellen zu tun? Und … wie ist dein Mann gestorben?«
Ein Verdacht keimte in ihm auf. Und das, was er zu hören bekam, übertraf seine schlimmsten Vermutungen sogar noch.
»Das eine ist eng mit dem anderen verbunden. Fergus, mein verstorbener Mann, war ein Verfechter der irischen Freiheit, hat sich der Bewegung angeschlossen. Es sollte alles friedlich über die Bühne gehen, verstehst du. Protestaktionen, Demonstrationen. Keine Gewalt.« Sie seufzte. »Als sie wieder einmal für eine gerechtere Landverteilung protestiert hatten, da eskalierte die Situation. Jemand aus ihrer Gruppe zog auf einmal eine Waffe und schoss auf die Polizisten. Die schossen zurück, Fergus bekam eine Kugel ab. Er ist in meinen Armen gestorben. Erst später habe ich erfahren, dass derjenige, der den ersten Schuss abgegeben hat, von den Handlangern der Großgrundbesitzer dazu angeheuert worden war. Und so kam ich zu den Rebellen. Und …«, sie zögerte einen Moment, »weißt du, ich wundere mich, dass du mich noch nicht gefragt hast.«
»Was gefragt?«
»Warum ich Kennedy heiße, obwohl ich doch verheiratet war.«
Andrew nickte. In der Tat hatte er sich diese Frage gestellt, aber sie für sich behalten. Er war der Meinung gewesen, es ginge ihn nichts an.
»Jedenfalls«, fuhr die blonde Frau fort, »nachdem man Fergus erschossen hatte, geriet ich natürlich auch ins Zentrum der Ermittlungen. Ich habe damals schon die Post hier betrieben, was ein Privileg war. Die einzige Möglichkeit, meine Haut und mein Überleben zu sichern, war, dass ich mich von meinem Mann losgesagt habe. Mit der Hilfe von James habe ich einige Verstecke verraten. Ich bin zur Kommandantur nach Dublin, habe geweint, gejammert, gebettelt, ihnen die Pläne gegeben, die ich angeblich erst nach Fergus´ Tod gefunden habe.« Sie seufzte erneut. »Jedenfalls haben sie mir, einer armen, schwachen Witwe, geglaubt. Man fand die Verstecke, die allerdings leer waren, von ein paar alten Waffen und verbranntem Papier abgesehen. Man ›begnadigte‹ mich, aber ich musste den Namen meines Mannes ablegen. So nahm ich wieder meinen Mädchennamen an. Damit konnte ich dann den Rebellen sogar noch besser helfen.«
Er streichelte sie sanft, während seine Gedanken rasten. Einst hatte er Irland genau aus dem Grund den Rücken gekehrt. Er wollte mit diesem Kampf nichts zu tun haben. Die Ursache für diese Abkehr war, dass er eigentlich von der Anwesenheit der Krone in Irland profitiert hatte und innerlich zerrissen gewesen war. »Man beißt nicht die Hand, die einen füttert«, hatte sein Vater gesagt.
Doch jetzt, jetzt sah er es anders. Er hatte in Ägypten viel gelernt, vor allem, dass die Menschen sich immer nach Unabhängigkeit sehnten. Und dass es der Krone einzig um Reichtum und Macht ging, dass sie sich einen Dreck um die Menschen scherte. Er hatte schon seit Jahren verfolgt, wie England seine Kolonien ausplünderte. Jetzt war er an dem Punkt, an dem er sich entscheiden musste. Und er hatte sich entschieden. Aber eines wollte er noch wissen.
»Du hast gestern Nacht gesagt, James hat Erkundigungen über mich eingezogen. Wie? Ich meine, man läuft nicht einfach so durch die Stadt und fragt jeden, ob er mich kennt.«
Josephine musste lächeln.
»Ich weiß nur, dass er Norman den Auftrag gegeben hat, nach Cork zu fahren, als Sarah und Horatio zum Pferdemarkt gereist sind.«
»So ein Lump!«, fluchte Andrew.
»Sei nicht so hart zu ihm. Er wollte wissen, was du für ein Mensch bist, was du früher getan hast. Kannst du ihm das übel nehmen?«
Er drückte Josephine in die Kissen, küsste sie.
»Nein. Aber ich wäre weitaus glücklicher, wenn er mich selber gefragt hätte.«
Die Frau in seinen Armen lächelte ihn an.
»Spielt das wirklich so eine große Rolle? Und willst du eigentlich nur mit mir diskutieren oder fällt dir nichts anderes ein, was wir tun könnten?«
Er schüttelte den Kopf, küsste sie erneut, diesmal länger und leidenschaftlicher. Als er sich von ihr löste und ihr eine Haarsträhne aus der Stirn strich, fühlte er sich wieder wie ein junger Mann.
»Hast du Hunger oder willst du frühstücken?«, lächelte er sie an. Sie lächelte zurück und knurrte leise, während ihre Hand auf Wanderschaft ging.
»Hunger!«

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